Warum dein Bauch klüger ist als dein Kopf

Es gibt einen Ort in dir, der dir inneren Halt gibt. Auch wenn alles um dich herum in Bewegung gerät. Die Japaner nennen ihn Hara – tief im Bauch, zwei Finger unterhalb des Bauchnabels. Nicht nur deine Kraft sitzt dort, sondern auch deine Persönlichkeit. Dieser Artikel führt dich dorthin.

 

Kennst du dein Kraftzentrum - dein Hara?

Kennst du das Gefühl irgendwie nur im Kopf hochtourig zu laufen, zu funktionieren, aber der Halt fehlt? Es gibt einen Ort in deinem Körper, der genau dafür da ist: dich zu stabilisieren. Gerade wenn du dich nicht sehr bei dir und ausgeglichen fühlst.

Diesen Ort findest du etwa zwei Finger unterhalb deines Bauchnabels, tief im Körper – dort, wo in der japanischen Tradition das Hara sitzt. Das Hara ist eben kein abstraktes Konzept, sondern eine körperliche Erfahrung, die du jederzeit machen kannst.

Wo ist dieser Ort? Was genau ist dort?

Leg deine Hand auf deinen Bauch. Wandere 3 bis 5 Zentimeter (zwei Finger breit) vom Bauchnabel nach unten – nicht weit. Und dann geh mit deiner Aufmerksamkeit in den Körper hinein, bleib nicht an der Oberfläche. Du findest deine Mitte ungefähr zwischen Bauchnabel und Schambein, tief im Bauchraum innen, etwa in der Mitte deines Körpers.

In der japanischen Körpertradition ist das nicht einfach eine Körperstelle. Es ist das Zentrum. Der Ort, aus dem die Kraft kommt und von dem aus alles andere organisiert wird – Bewegung, Stabilität, Entscheidung, Persönlichkeit.

In den japanischen Kampfkünsten und Körperpraktiken – Aikido, Judo, Shiatsu – ist es die erste Grundregel: Bewegung entsteht im Hara, nicht in den Armen oder Beinen. Wenn du dich aus dem Hara bewegst, bewegst du dich mit dem ganzen Körper. Wenn du den Impuls nicht aus dem Hara aufnimmst, verliert die Bewegung an Kraft und Stabilität. Das gilt für einen Schwerthieb genauso wie für das Aufstehen aus dem Bett oder das Heben einer schweren Last. Eine Bewegung, die wirklich trägt, beginnt immer hier im Hara.

Persönlichkeit hat eine Adresse

Und genau hier wird es spannend. Denn in der japanischen Vorstellung ist das Hara weit mehr als eine anatomische Region. Es ist das Kraftzentrum des Menschen. Der Ort, von dem aus Bewegung entsteht, Entscheidungen reifen und Stabilität kommt und auch die Persönlichkeit geprägt wird.

Im Deutschen sagen wir, jemand hat Rückgrat oder Herz. In Japan sagt man: jemand hat Hara. Der Begriff „haragei" 腹芸 bedeutet wörtlich „Kunst des Bauches" – auf Deutsch lässt er sich nur umschreiben: die Kraft, allein durch Persönlichkeit und Präsenz zu wirken. Jemand, der „haragei“ beherrscht, ist jemand, der etwas nur kraft seiner Persönlichkeit erreicht.

Überhaupt ist jemand, der aus dem Hara lebt, geerdet, authentisch, bei sich. Nicht beeinflussbar von jedem Wind, der bläst. Wer das Hara verloren hat – durch Stress, Erschöpfung, Trauma, durch all die Jahre, in denen man gelernt hat, vor allem zu funktionieren –, der ist zwar noch da. Aber irgendwie neben sich. Vielleicht kennst du das?

Was das Hara kann, was der Kopf nicht kann

Dein Kopf ist schnell. Er analysiert, bewertet, plant. Er ist gut darin, Dinge zu lösen, die er schon kennt. Dein Kopf ignoriert systematisch die Impulse, die aus deinem Körper kommen, einfach weil er es kann und oftmals so gewohnt ist. Und in Momenten, die er nicht kennt – bei echtem Verlust, bei echter Erschöpfung, bei dem Gefühl, nicht zu wissen, wie es weitergeht – dreht er sich im Kreis.

Das Hara sendet Impulse aus deinem Körper. Und es dreht sich nicht im Kreis. Es gibt eine Antwort, die nicht aus Gedanken kommt, sondern aus einem Wissen, das tiefer liegt.

Ich habe das nicht nur theoretisch gelernt. Ich habe es gespürt in verschiedenen schwierigen Lebenssituationen – nach Verlusten, nach Diagnosen, nach dem Sturz im Januar. Als ich danach nicht laufen konnte und der Kopf sofort beschäftigt war – mit Listen, Szenarien, Sorgen – während der Bauch wartete. Stiller, klarer, ruhiger. Noch da. Irgendwann habe ich aufgehört, dem Kopf zuzuhören. Und einfach die Hand auf den Bauch gelegt. Keine Technik. Keine Übung. Nur diese eine Geste: Ich bin hier. Das hat gereicht.

Die Dojo-Zeiten - wenn das Hara besonders wichtig ist

Gerade ist eine Übergangszeit. Der Frühling wird zum Sommer, das Ki brodelt, die Energie drängt nach außen. Diese Übergangszeiten zwischen den Jahreszeiten nennt man Dojo-Zeiten – Phasen, in denen sich der Körper neu organisiert. Jetzt bist du besonders offen – empfänglich für Veränderung, aber auch anfälliger für Unruhe. Genau jetzt braucht es einen Anker.

Dein Hara ist dieser Anker. Es gibt nicht nach, wenn alles um dich herum in Bewegung gerät.

 

Eine einfache Übung für heute

Setz dich hin – oder steh, wenn du magst. Leg eine Hand auf deinen Unterbauch. Atme drei bis fünf Mal tief in die Hand. Spür, was geschieht. Vielleicht wird etwas leiser. Oder etwas zeigt sich, das schon da war, bevor du angefangen hast zu suchen.

Mehr brauchst du im ersten Schritt nicht. Der Rest kommt von selbst.

Und wenn du merkst, dass du dir diesen Rahmen öfter wünschst – die Dojo-Zeiten, das Hara, den Jahresrhythmus –, dann schau gern, was das Jahresprogramm Zuhause in deinem Körper" für dich bereithält.

Ich bin Renate Köchling-Dietrich und du bist bei mir richtig, wenn du dich spüren, gesund und lebendig fühlen möchtest. Ich unterstütze dich mit dem Wissen der traditionellen japanischen Medizin und um den Ki-Fluss dabei, die Signale deines Körpers zu erkennen, zu verstehen und deinen Bedürfnissen gemäß zu leben. Seit zwei Jahrzehnten unterrichte ich dieses Wissen und vor allem seine praktische Umsetzung und das Erleben.

Im Blog findest du dieses althergebrachte Wissen und Erklärungen über die Zusammenhänge. Dabei geht es immer um das Thema Spüren. Denn nur wenn du dich spürst, kannst du deinem Körper vertrauen und ganz bei dir sein.

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